Fahrender Erzähler Heiner Hitz erzählt Märchen im Lesetram

Fahrender Erzähler
Heiner Hitz erzählt Märchen im Lesetram
Ins Tram begibt man sich, um möglichst schnell irgendwo hinzukommen. Wer das Lesetram besteigt hat jedoch anderes im Sinn: Er will einem Märchen lauschen.
In einem Drämmli zu sitzen, das an den Haltestellen ohne zu stoppen vorbeibraust, ist gewöhnungsbedürftig. Aber alles geht mit rechten Dingen zu, denn wir befinden uns im Lesetram der Allgemeinen Bibliotheken der GGG. Und in dem geht es nicht darum, möglichst rasch irgendwo hinzukommen, in dem geht es einzig um Märchen. Erzählen tut sie Heiner Hitz. Seit zwanzig Jahren ist er bereits mit seinen Geschichten unterwegs. Müde ist er dabei nicht geworden. «In einem bestimmten Alter haben die Kinder nach wie vor alle dieselben Bedürfnisse», sagt Hitz, «sie wollen Märli hören.» Ein Begehren, das der Mann vom Erzähltheater Saalam nur zu gerne erfüllt. Während draussen Basel Kulisse spielt, berichtet Hitz von der Prinzessin Carolina, die › obwohl schaurig nett › ihrer Umgebung nichts als Unglück brachte. Wo sie auch hinkam, passierte unversehen Schlimmes: Die Milch wurde sauer, der Blitz schlug ein, die ganze Schafherde stürzte die Felswand hinunter. Weil das nicht mehr so weitergehen konnte, machte sich Carolina zu guter Letzt zum schwarzen Berg auf, wo die Schicksalsgöttinnen hausen.
RASTLOS. Wie es der Prinzessin gelang, ihr Unglück abzuschütteln und dabei auch noch einen ebenso blonden wie blauäugigen und schönen König zu ehelichen, sei an dieser Stelle nicht verraten. Hitz, der sich während seiner Erzählung wie ein rastloser Tiger durchs Tram bewegt, vertraut der gebannt lauschenden Kinderschar auch an, weshalb er die Geschichte so gut kennt: «Ich war an der Hochzeit der beiden.» Ein wenig schwärmte er noch von der siebenstöckigen Torte und schloss dann mit der neugierig machenden Bemerkung: «Was nach der Hochzeit passiert ist, erzähle ich heute nicht.» Aber vielleicht ein ander Mal.
MICHAEL GASSER Basler Zeitung vom 10.5.2007

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